Den Islam verstehen

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Einige Namen und Materialien für die Beschäftigung mit dem Thema Islam:

Navid Kermani – für mich DIE Autorität schlechthin im west-östlichen Dialog der Gegenwart: In seiner bewegenden Paulskirchen-Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2015 spricht er über den kulturellen Verfall des Islam und dessen Bruch mit seinen eigenen Traditionen.:

Der radikale Islamismus ist kein Phänomen erst des 21. Jahrhunderts, sondern deutlich älter: Ein Text aus der „Zeit“ über den Wahhabismus, die fanatische „reine Lehre“ im sunnitischen Islam vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart Saudi Arabiens:

Warum es in Syrien zum Bürgerkrieg kam: Der aus Syrien stammende Schriftsteller Rafik Schami über die Wurzeln der Revolution und die Untätigkeit des Westens:

Sehenswerte Arte-Dokumentation über 100 Jahre Krieg und Chaos in der arabisch-islamischen Welt.

Professor Abdullah Takim (Universität Frankfurt) ist für mich ein wichtiger Gesprächspartner zum Verstehen des Islam. In diesem Interview nach den Attentaten von Paris spreche ich mit ihm über das Verbot willkürlicher Tötungen im Koran.

Professor Mouhanad Khorchide (Universität Münster) plädiert für einen islamischen Humanismus. Hier ein Auszug aus seinem aktuellen Buch „Gott glaubt an den Menschen“, das für mich ein Beispiel für das gelungene Miteinander von Glauben und Vernunft darstellt.

Ein weiterer wichtiger Text von Professor Khorchide über den Unterschied zwischen Mohammed als Verkündiger des Koran und als Politiker.

Der Begegnung mit Dr. Ibrahim Abouleish aus Ägypten verdanke ich den Anstoß, mich mit dem Islam zu beschäftigen. Aus seiner lebenslangen Beschäftigung mit dem Koran ist ein Weisheitsschatz entstanden, den es noch zu heben gilt. In diesem Interview, das schon einige Jahre zurückliegt, spricht er über das Verhältnis von Islam, Christentum und Anthroposophie.

Die sehr informative Website Quantara für den Dialog mit der muslimischen Welt hat ein kurzes Porträt über das von Ibrahim Abouleish aufgebaute und international gewürdigte Sekem-Projekt in Ägypten gebracht.

 

 

Wenn Tiere zu Personen werden

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Tiere werden nur deshalb qualvoll gehalten und gegessen, weil wir Menschen uns für etwas Besonderes halten – mit dieser Formel wollen Ethiker wie Peter Singer und Tierrechtsaktivisten das Leiden der Nutztiere beenden. Was als Äußerung von Mitgefühl verständlich wirkt, zeigt sich bei näherer Betrachtung als fataler Rückschritt in der Entwicklung der Ethik: Denn mit der Erosion des Mensch-Tier-Unterschieds werden zwar Schimpansen und Delfine zu Personen erklärt, die am meisten schutzbedürftigen Menschen aber fallen aus dem Rahmen der Grundrechte heraus. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Ideologie der „Anti-Speziesisten“.

Immer wieder machen im Internet Meldungen Furore, denen zufolge in Indien oder Florida Delfinshows ab sofort verboten seien. Begründung: Gerichte hätten Delfine endlich „als Personen anerkannt“. „Die Delfine in Indien haben nun einen Status, den wir auch allen anderen fühlenden Lebewesen auf der Welt wünschen“, verkündet etwa die Website von Animalequality. Was ist an solchen Meldungen dran? Sicher bedeutet es einen Fortschritt, wenn diese wunderbaren Meeressäuger, die jeden Tag Kilometer weit die Ozeane durchpflügen, nicht länger eingepfercht in Swimmingpools leben müssen. Zweifelhaft wirkt aber die Begründung, die von dieser und anderen Tierschützer-Websites (manchmal auch in Bezug auf Primaten) verbreitet und weltweit gedankenlos weitergeleitet wird: Zwar sind uns Delfine oder auch Menschenaffen mit ihrem erstaunlichen Kommunikationsvermögen und ihrer anrührenden Heiterkeit sehr nah. Aber sind sie deshalb „Personen“? Und – so sehr wir auch jeden Schritt hin zu weniger Qual und Ausbeutung von Tieren begrüßen sollten – müssen wir erst Delfine zu „nicht menschlichen Personen” erklären, um auf ihre quälerische Zurschaustellung zu verzichten?

Bumerang „Anthropozentrik“

Die Aufhebung der Grenze zwischen Mensch und Tier steht als Programm hinter fast allen Tierrechtsaktivitäten, und auch in Teilen der veganen Bewegung wird diese Botschaft oft unkritisch weitergetragen. Philosophisch bündelt sie sich in dem sperrigen Programmbegriff des „Anti-Speziesismus“. Dieser Richtung zufolge ist die Reklamation eines besonderen Status des Menschen als Gattung durch nichts zu rechtfertigen und stellt lediglich einen autoritären Akt dar, ähnlich wie auch beim Imperialismus, Rassismus oder Sexismus eine herrschende Gruppe sich eine angebliche Überlegenheit selber zuschreibt, um andere unterdrücken zu können. Der Anti-Speziesismus versteht sich demnach als konsequente Stufe eines umfassenden Emanzipationsprozesses.

Nach alldem, was durch den Menschen an geschichtlichen Untaten untereinander, an Frevel an seinen Mitgeschöpfen und an Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Planeten Erde geschehen ist und weiter geschieht, scheint es aussichtslos, gegenüber dem Anti-Speziesismus einen moralischen Sonderstatus des Menschen zu verteidigen. Philosophische Versuche, die Kriterien von Selbstbewusstsein, Freiheit, Vernunft und Verantwortungsfähigkeit als genuin menschliche Fähigkeiten zu reklamieren, werden in Diskussionen durch Verweis auf diesen oder jenen erstaunlichen wissenschaftlichen Beleg über kulturellen Fähigkeiten von Tieren rasch abgetan. Vor allem aber führt das praktische Versagen der Gattung Mensch jeden Anspruch auf einen Sonderstatus ad absurdum. Die hergebrachte humane Ethik sei eben letzten Endes anthropozentrisch, so die vernichtende Antwort, so wie auch der Speziesismus anthropozentrisch sei.

Der Speziesismus-Vorwurf geht allerdings mit einem unvermeidlichen Bumerang-Effekt einher: Denn es ist nun einmal der Grundzug von uns Menschen, dass wir uns – eben darin anders als jedes Tier und schon von Beginn aller Menschwerdung an so unbegreiflich anders – aus der Welt heraus- und uns ihr gegenüberstellen, uns Gedanken über sie und unsere Stellung in ihr machen, nach Zusammenhängen suchen, die den Tieren so unmittelbar gegeben sind, dass sie nur ihrem Wesen folgen müssen, um fraglos zufrieden zu sein. Mit dem Gegebenen aber gibt sich kein Mensch zufrieden. Menschen müssen denken. Und selbst der Gedanke, dass wir alles nur nach Maßgabe unseres Menschseins betrachten und beurteilen, ist vom Zentrum des Menschseins aus gedacht, mithin anthropozentrisch. Schließlich entspringt ja auch der Anti-Speziesismus nicht einem Emanzipationsdrang der Tiere, sondern ist Resultat einer spezifisch menschlichen Selbstreflexion, die seine Stellung im Ganzen der Welt betrifft. Den anthropozentrischen Fluch wollen wir los werden, der Mensch soll nichts Besonderes mehr sein gegenüber dem Tier, und doch sollen um alles in der Welt Tiere den gleichen, hohen Rang haben wie er, den er doch angeblich gar nicht verdient –  wie viel Selbsthass auf die Menschheit steckt eigentlich im Anti-Speziesismus?

Tiere schützen – und Menschen mit Behinderung töten?

Wie eng das Bemühen um eine Erweiterung der Tierethik und die faktische Einschränkung der Ethik gegenüber dem Menschen systematisch verzahnt sind, zeigt sich im Werk des australischen Tierrechtlers Peter Singer. Die vielfach kritisierten behindertenfeindlichen Schlüsse von Singer sind dabei keineswegs Missverständnisse seiner Lehre, sondern nachlesbare Ungeheuerlichkeiten und vor allem logische Konsequenz seiner Leidvermeidungs-Ethik, die bereits seit seinem Mitte der 1980er Jahre erschienenen Buch Praktische Ethik öffentlich vorliegt. Seither hat sich an den Eckpfeilern seiner Philosophie nichts geändert: Weil es keine rational konsensfähige Basis für Ethik gibt, soll nach Singer der einzig akzeptable gemeinsame Nenner ethischen Verhaltens das Vermeiden oder zumindest Verringern von Leid sein. Daran hätten alle Lebewesen – nicht allein Menschen, sondern auch „nicht-menschliche Personen“ – ein Interesse. Nicht mehr zwischen Mensch und Tier soll also die rote Linie verlaufen, sondern zwischen Interessenfähigkeit und -unfähigkeit. Wer kein Bewusstsein seiner Interessen hat, auf den muss allerdings auch nicht länger Rücksicht genommen werden. Damit entstehen Grauzonen vor allem am Lebensanfang und Lebensende von Menschen, aber auch dort, wo Menschen physische oder geistige Beeinträchtigungen mit ins Leben bringen. Und die Frage, ob ein behinderter Mensch wohl Interesse an einem Leben hätte, dessen Verlauf man mehr Leid unterstellt als einem „normalen“, beantwortet Singer im Namen der Betroffenen mit der Empfehlung, dass Eltern im Falle einer entsprechenden Diagnose doch besser die Schwangerschaft abbrechen und auf ein nicht-behindertes Kind warten sollten – die Summe des Leids wäre dann geringer.

Mehr als Rationalität

Der Erfolg der Philosophie Singers und der Animal Rights-Aktivisten, der sich nicht zuletzt in den unkritischen „Gefällt mir“-Klicks für die Delfin-Personen auf Facebook spiegelt, erklärt sich aus zweierlei: Zum einen ist das Tötungsverbot unter Menschen nach dem Abschmelzen seiner religiös-metaphysischen Fundamente tatsächlich nur noch schwer zu begründen, zum anderen ist das schlechte Gewissen des Menschen über sich selbst angesichts seines frevlerischen Umgangs mit Tieren mehr als berechtigt. In dieser Gemengelage übt die Singer’sche Leidvermeidungs-Ethik einen starken Sog aus. Demgegenüber wird es, nüchtern besehen, auch in Zukunft keinen rein rationalen Grund dafür geben, Menschen mit Behinderung das volle Lebensrecht zuzugestehen und die Zumutung eines Tötens aus Mitleid zurückzuweisen als den historisch – zum Teil durch schreckliche Erfahrungen – gewachsenen und gesellschaftlich kodifizierten Willen, auch und gerade den schwächsten Mitgliedern unserer Gattung den Schutz der Menschenrechte zuzugestehen. Den Menschen als personhaft von Beginn an zu betrachten, als auf Entfaltung angelegte, untrennbar leiblich-geistige Einheit – selbstverständlich auch im Falle von Behinderungen –, ist nicht als rationale Begründung zu haben und lohnt dennoch philosophisch verteidigt zu werden. Die Tiere aber sollten wir nicht aus Mitgefühl zu Menschen machen, sondern sie als das sehen, was sie für sich sind: ihrer selbst nicht bewusste, aber intensiv fühlende Wesen, für die es keine Tier-Rechte, jedoch einen erheblich erweiterten Tier-Schutz geben muss, der ihrer eigenen Würde gerecht wird. 

Die Flüchtlingskrise: Eine Frage an die westliche Zivilisation

 

Zugleich ein Vorblick auf die 10. Herbstakademie Frankfurt vom 6.-8. November

Wie wohl die meisten bin ich derzeit tief bewegt von den Schicksalen der zu uns flüchtenden Menschen. Eines berührt mich dabei besonders: Es sind die enormen Hoffnungen, die diese Menschen auf „uns im Westen“ setzen, und die Wertschätzung, die sie uns dadurch entgegenbringen. Bei allen Fehlern und Versäumnissen, die der Westen in der Vergangenheit gemacht hat: Die westliche Welt, Europa, speziell auch Deutschland, sind offensichtlich für Notleidende aus Nahost und Afrika ein Ziel von größter Attraktivität. Das betrifft keineswegs nur den hier erhofften, besseren Lebensstandard. Es geht auch um das, was Wohlstand eigentlich erst möglich macht: langfristig stabile politische Verhältnisse auf der Basis von Grundrechten, ein unabhängiges Rechtswesen, transparente soziale Verwaltungen, und nicht zuletzt die Freizügigkeit in der persönlichen Entfaltung von wirtschaftlicher und kultureller Initiative und einer ganz persönlichen Lebensweise. In Europa ist es ein garantiertes Grundrecht, seine Lebensweise individuell zu bestimmen, ob religiös, politisch oder sexuell. Unter diesen Voraussetzungen gibt es in Europa seit nunmehr fast zwei Generationen Frieden – das vielleicht von den Flüchtlingen am meisten ersehnte Gut.

Leichtfertige Relativierung

Eines missfällt mir gerade angesichts der Schutzsuchenden in diesen Tagen: dass bei uns nicht wenige Intellektuelle dazu neigen, die westlichen Grundwerte zu relativieren. Wie oft höre und lese ich Äußerungen wie „Wir haben doch hier auch keine wirkliche Demokratie“ oder „Die Politiker sind doch hier auch nicht besser als in Russland“. Man betont die Fehler und Schwächen des „Systems“, kritisiert „die Medien“, beklagt die Harzt IV-Regelungen, die Geldgier der Banken oder kritisiert das politische Parteiensystem insgesamt als „überholt“, weil man etwa Elemente der Direkten Demokratie vermisst. Während solcherlei „Systemkritik“, angefangen von der Linken quer durch die bürgerliche Mitte bis hin zu Pegida Beifall findet, sprechen die Flüchtlingsströme eine andere Sprache.

Sie erinnern uns aber auch daran, dass der Westen, speziell Europa, in der jüngsten Vergangenheit zu sehr mit sich selbst beschäftigt war und in dem Glauben lebte, die eigene Komfortzone an seinen Rändern abschotten zu können. Ich plädiere dennoch dafür, hier nicht in Selbstvorwürfe zu verfallen, nicht die Versäumnisse des Westens für alles Elend in der Welt verantwortlich zu machen, sondern die Perspektive einmal umzudrehen: Haben wir, genau besehen, nicht etwa zu viel, sondern vielleicht zu wenig Einfluss auf die Welt genommen? Haben wir selbst allzu sehr von dem „Modell“ aus Menschenrechten, Demokratie und Freizügigkeit profitiert, ohne gleichzeitig auch zu Opfern bereit zu sein, wenn es um die Lage in unseren Nachbarregionen geht? Da hieß es leicht: Nur keine Einmischung mit unserer „westlichen Dominanz“! Nur kein „Eurozentrismus“! Die Willensentscheidung der Flüchtlinge für ein besseres Leben im Westen zeigt anderes, nämlich dass die hier gültigen Werte tatsächlich für Menschen auch aus ganz anderen Kulturkreisen attraktiv sind. Wäre es nicht angemessen, wenn wir uns künftig selbstbewusster, aktiver und offensiver für ihre Geltung einsetzen würden, in den Krisenregionen der Welt, aber auch hier bei uns?

Menschenrechte als Basis für Entwicklung

Ich bin entschieden dafür, weniger zu jammern, das Schimpfen über die Fehler anderer einzustellen und die kreativen Möglichkeiten zu nutzen, die uns hier im Westen so vergleichsweise überreich offen stehen. Dabei können und sollen sich unsere Wertegrundlagen sicher auch weiterentwickeln und neue Dimensionen eröffnen. Ich denke hier besonders an die Herausforderung eines Dialogs der Kulturen und Religionen. Dieser wird umso besser gelingen können, als es gemeinsame Begegnungsräume gibt, die gleichsam „oberhalb“ der unterschiedlichen kulturellen und/oder religiösen Ausprägungen das gemeinsame Allgemein-Menschliche suchen und würdigen. Die Idee der universellen Menschenrechte lebt ja bereits von der Annahme, dass so etwas existiert. Sie kann aber noch eine Weiterentwicklung erfahren, wenn aus den unterschiedlichsten Weltsichten heraus ein Bewusstsein für die geistige Einheit der Menschheit, einer tieferen Ungetrenntheit, geteilt werden kann. Echte, aktive Toleranz entsteht aus der Erfahrung des All-Einen in der Vielfalt der Traditionen. Hier liegt ein bisher noch wenig gesehenes spirituelles Potenzial der westlichen Welt, das es zu heben gilt und das in der aktuellen Situation des Aufeinandertreffens der Kulturen von Bedeutung ist. Denn gerade etwa in der Begegnung mit dem Islam, aber auch mit religiös geprägten Menschen aus Afrika und Asien zeigt sich, dass dem Westen bei all seiner perfekten Beherrschung der äußerlich-materiellen Welt und dem gelungenen Aufbau einer säkularen Ordnung ein Sinn für die „Innenseite der Welt“ abhanden gekommen ist. Nach dieser „Innenseite“ fragen uns auch viele Flüchtende, und werden es wohl noch mehr tun, wenn sie hier Teil der Gesellschaft werden. Die Suche nach der spirituellen Dimension der westlichen Welt kann dabei helfen, die Sprachfähigkeit des Westens im Dialog der Kulturen zu verbessern.

Ein Labor des Dialogs

Mit diesen Überlegungen ist der Rahmen umrissen, dem sich die Herbstakademie Frankfurt vom 6. bis 8. November diesen Jahres widmen möchte. Das Projekt „Herbstakademie“ bietet seit nunmehr zehn Jahren ein inter-spirituelles Forum, auf dem sich Menschen verschiedener Richtungen in der Bemühung treffen, Aufklärung und Transzendenz zu verbinden.

Einer der besonders spannenden Gäste ist diesmal der im Islam verwurzelte Amir Nasr, der als fundamentalistischer Muslim aufwuchs, durch eine atheistische Phase des Zweifels ging und im Rahmen einer integralen Weltsicht die Möglichkeit fand, seinem Glauben, vernünftigem Denken und spiritueller Erfahrung gleichermaßen Raum in sich zu geben. Weitere Beispiele aus dem Programm: Sonja Student wird den tiefen humanistischen Wert darstellen, der sich in der Entwicklung der Kinderrechte zeigt; die Künstlerin Dorothea Walter arbeitet unter dem Motto „In Erwartung der Zärtlichkeit“ am Thema der Frauenrechte in Schwellenländern und zeigt eine Performance; Jost Schieren befasst sich mit einem der größten und gleichzeitig noch am meisten übersehenen Repräsentanten einer westlichen Spiritualität: es ist Goethe, der da, wo die Wissenschaft nur Materie sieht, die Natur- und Sinnesanschauung zu einer tieferen Verbindung von Welt und Seele weiterentwickelt. Weitere Beiträge beschäftigen sich mit dem Freiheitsverständnis der westlichen Kultur, mit der Rolle des Rechts und dem Thema Spiritualität in der Welt.

Wenn diesmal bei der Herbstakademie das Wort von der „westlichen Welt“ als Aufgabe ansteht, wird das nicht anders gehen, als dass die Zeitereignisse dabei mit hineinspielen. Politische Lösungsvorschläge sind dabei nicht unsere Aufgabe. Ich sehe diese drei Tage der Herbstakademie als einen Raum der tiefen Besinnung jenseits des Meinungstrubels, als ein Dialog-Labor, das mit inhaltlichen Impulsen, achtsamen Dialogen und Meditationen neue Perspektiven eröffnet. Ich freue mich auf fruchtbare Begegnungen.

 Mehr Informationen finden sich hier.

 

 

 

 

Mehr als nur der Gott der Philosophen – zum Buch „Gott denken“ von Holm Tetens

Tetens

Für viele, wenn nicht für die meisten Menschen der westlichen Welt, stellt die Rede von Gott heute eher eine Unmöglichkeit dar. Mit dieser Ausgangsposition rechnet auch der Philosoph Holm Tetens. In unserer wissenschaftlich geprägten Zeit, so der an der Freien Universität Berlin lehrende Professor, macht sich jemand, der im akademischen Umfeld ernsthaft über Gott nachdenken will, ähnlich verdächtig als wenn er Frau Holle für ein reales Wesen halten würde. Dennoch lautet der Titel seines Buches „Gott denken“. Tetens setzt damit zu nichts Geringerem an denn zu einer „rationalen Theologie“, wie der Untertitel lautet. Dass so etwas überhaupt möglich sein soll, rational – also vernünftig – über Gott zu denken, dürften indessen nicht nur eingefleischte Materialisten (Tetens spricht lieber von „Naturalisten“) bezweifeln, sondern auch nicht wenige religiöse oder spirituelle Menschen, die zwar an Gott glauben, dies aber vor allem als Sache des Gefühls oder des „Spürens“ ansehen und das Denken eher als Störfaktor einschätzen. Nicht so Holm Tetens, im Gegenteil. Einer seiner verblüffenden Gedanken liegt gerade darin, dass es zur konsequent gedachten Idee Gottes gehört, dass sie eben auch denkbar ist, ja mehr noch: „Gott denkt sich selbst durch den Menschen“, sagt Tetens.  Aber der Reihe nach.

 Naturalismus als Metaphysik

Wo nimmt Tetens den Ausgangspunkt, die Denkbarkeit Gottes zu verfolgen? Er bestreitet nicht, dass die großen philosophisch-theologischen Gottesbeweise gescheitert sind und die herrschende Weltsicht des Naturalismus keinen Raum für metaphysische Annahmen lässt. Aber genau hier setzt Tetens an. Denn der Naturalismus selbst sei keineswegs eine voraussetzungslos aus den Resultaten der Wissenschaften folgende, wie selbstverständlich gültige Position, sondern beruhe selbst auf einer metaphysischen, unbeweisbaren Grundannahme: Nämlich der, dass die Welt aus zufällig entstandenen, rein physikalischen Tatsachen bestehe. Diese Annahme ist aber keineswegs das Ergebnis der Wissenschaft, sie bildet vielmehr ihre Voraussetzung. Aus dieser Wissenschaft mit eben dieser Voraussetzung resultiert dann zwangsläufig die Anschauung, wonach die Welt aus zufälligen, objektiven physikalischen Tatsachen erklärbar ist. In diesem Weltbild klafft jedoch eine wesentliche Lücke. Sie betrifft die Rolle jener erlebnisfähigen Wesen, die solche und andere Erklärungen überhaupt abliefern. Denn diese sind keineswegs als „objektive“ Phänomene in Art äußerer Tatsachen erklärbar. Rein erfahrungswissenschaftliche Beschreibungen der Welt, die das Phänomen „selbstreflexiver Ich-Subjekte“ (Tetens) ausklammern, sind aber notwendig unvollständig. Dass die meisten Menschen es weder bemerken noch dass es sie zu stören scheint, wenn die Rolle ihres eigenen Bewusstseins wissenschaftlich komplett ausgeklammert wird, macht die Sache nicht besser. Zu welchen Widersprüchen es führt, die mental-geistige Dimension rein aus physikalischen Sachverhalten erklären zu wollen, hat zuletzt das Buch „Geist und Natur“ des bekannten Philosophen Thomas Nagel gezeigt, auf den sich auch Tetens beruft. Da der Naturalismus also weder voraussetzungslos dasteht noch so eine entscheidende Frage wie das Leib-Seele-Problem zu lösen in der Lage ist, will Tetens einer anderen Denkmöglichkeit nachgehen: Der These nämlich, dass die Welt und die Position des Menschen darin einschließlich seines Erkennens und Handelns Ergebnis einer göttlichen Ordnung ist.

 Unendlichkeit denken

Die These Gott an den Anfang zu stellen bedeutet nun keineswegs, hier den sprichwörtlichen Deux ex machina zu bemühen und die Welt anstelle mit harter Wissenschaft durch einen naiven Kreationismus zu erklären. Tetens sieht Gott vielmehr als den „Urgrund des Seins (der Wirklichkeit), er ist die alles bestimmende Wirklichkeit“. Tetens greift hier die Philosophie des deutschen Idealismus auf und bestimmt Gott im Rückgriff auf Hegel als ein „unendliches Ich-Subjekt“, das „weder epistemisch (die Erkenntnis betreffend) noch in dem, was es will, durch etwas beschränkt und begrenzt ist, was es selber nicht ist“. Das ist zunächst vor allem eines: schlüssig denkbar. Der aus der Tradition bekannte Begriff der göttlichen Allwissenheit wird in philosophischer Perspektive zu dem Gedanken, dass Gott als unendliches Wesen alles zu denken und zu erkennen vermag. Gottes Denken ist uneingeschränkt vernünftig, so Tetens. Das eröffnet umgekehrt auch die Perspektive, dass wir Menschen durch unsere Vernunft tatsächlich Gottes Schöpfung – in Form der Naturgesetze vor allem – auch erkennen können. Die Weltordnung eines unendlichen, allwissenden und allmächtigen Gottes kann gar nicht anders beschaffen sein als so, dass der Mensch in ihr die Möglichkeit des Erkennens hat.

Anders als im Rahmen des Naturalismus, wo der Mensch als verlorener Irrläufer in einem sinnlosen Universum gilt, erscheinen in diesem theistisch-idealistischen Entwurf Gott, Welt und Mensch innig aufeinander bezogen. Tetens gibt sich daher auch offen als ein Vertreter des – oft geschmähten – anthropischen Prinzips zu erkennen. Demnach ist „das physikalische Universum von Anfang an darauf angelegt (…), dass in ihm eines Tages Menschen in Erscheinung treten, für die es wesentlich ist, im Gedankenaustausch miteinander zumindest partiell das Universum intersubjektiv zu beobachten und zu erkennen… Materie soll erkannt, bearbeitet, umgestaltet, verschönert werden und in all diesen Tätigkeiten mit Geist erfüllt und zum immer klareren Ausdruck des Geistes werden“.

Freiheit und „Gericht“

Zur Göttlichkeit der Welt gehört auch die Möglichkeit der Freiheit des Menschen. Hier nähern wir uns dem herausfordernden Feld der Theodizee, zu welchem Tetens ebenfalls überraschende Perspektiven eröffnet. Gott will als Allmächtiger alles, was der Fall ist – aber nicht alles was der Fall ist, wird von ihm auch gut geheißen. Manches lässt er nur zu – die Möglichkeit menschlicher Verfehlung vor allem, weil ohne sie keine freie Moralität möglich wäre, sondern nur ein moralischer Automatismus. Das saubere Herausarbeiten dieser Konstellation von Gottes Wille, Freiheit und moralischer Verfehlung geht weit über das oft platte Konstatieren einer „Notwendigkeit“ des Bösen in der Welt und irgendwelchen im Weltenplan vorgesehenen Opfern hinaus. Gott will, dass die Schöpfung am Ende gut wird – dafür braucht es echte Freiheit mit der Möglichkeit des Bösen.

Die höchsten Gipfel erreicht der Gedankengang von Holm Tetens, wenn er das Thema Erlösung behandelt – eine Dimension, die unzweifelhaft notwendig zur Idee eines unendlichen und unendlich machtvollen Wesens dazugehört. Wem sich vielleicht bisher schon die postmodernen Haare gesträubt haben mögen, dem werden sie sich erst Recht im Nacken aufstellen wenn Tetens nun zum Konzept der Erlösung auch noch den traditionell-religiösen Begriff des „Gerichts“ bemüht. Tatsächlich folgert Tetens, dass die von Gott gewollte Schöpfung ohne ein Gericht gar keinen Sinn ergibt: Ohne ein „Gericht“, bei dem es allerdings für Tetens weniger um finale Bestrafung denn um Einsicht, Versöhnung und Vergebung geht, „wäre Erlösung ein Geschehen, in dem die Menschen gar nicht als vernünftige und selbstverantwortliche Personen ernst genommen würden. Wer vom Gericht nicht reden will, sollte daher von Erlösung schweigen.“

Es ist spannend, dass der Gedanke einer – wie auch immer gearteten – nachtodlichen Existenz des Menschen sich hier als Konsequenz einer gerechten, auf Erlösung zielenden Weltordnung ergibt. All die unbeschreiblichen Untaten, all das verübte und erlittene Unrecht auf Erden wird nicht das letzte Wort sein. Eine göttliche Ordnung kann und wird „niemanden endgültig verloren geben“, zitiert Tetens ein wunderbares Wort Walter Benjamins – und weist nicht nur damit auf das unvergleichliche Quantum Trost, das von einer mit Gott gedachten Welt ausgeht.

Ausblicke von Gipfeln

Holm Tetens Buch ist eine Einladung im besten Sinne, ohne jeglichen missionarischen Anflug des Überzeugen-Wollens und im permanenten Bewusstsein der möglichen Einwände geschrieben, die in einer naturwissenschaftlich geprägten Zeit so nahe liegen. Seine dichten, knapp 90 Seiten eignen sich weniger für leicht zustimmungsfähige Facebook-Postings über Gott, sondern bieten hartes Denkbrot, das über manche Strecken eher an Mathematik als an Theologie erinnert. Gerade durch die nüchterne, sich seiner Grenzen stets bewusste Zurückhaltung des Autors führt das Buch in eine Tiefe, in der man immer wieder darüber staunt, nur durch konsequentes Denken in sie hineingeraten zu sein. Die so gewonnenen Ausblicke auf das Wesen Gottes haben die Wirkung mühsam erkämpfter Gipfelpanoramen, sie sind ebenso weit entfernt von Kirchentags-Religiosität wie auch von mancher sich spirituell nennenden Rede von Gott, die das Ausblenden der denkenden Vernunft aus dem Umgang mit dem Höchsten für einen Vorteil hält. Wer in seinem eigenen Suchen nach Gott dem Denken Raum geben möchte, wird dieses Buch mit Gewinn lesen.

Holm Tetens: Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie. Reclam Stuttgart 2015, 96 Seiten, € 5,-

 

 

 

 

Tödlicher Dogmatismus oder lebendige Entwicklung

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Wie lässt sich Dogmatismus vermeiden, der auf allen Feldern der Kultur, nicht nur in der Religion, sondern auch in Kunst und Wissenschaft so oft Freiheit und unbefangenes Forschen und Experimentieren hemmen will? Wie der Tendenz zum Festhalten an Wortlauten und Formeln entgegenwirken, die jeder echten Entwicklung entgegenstehen? Besonders Religionen und spirituelle Richtungen scheinen von Erstarrung bedroht. Denn meist haben die wirkmächtigen Gestalten an ihren Anfängen Schriften oder Anweisungen in großer Fülle hinterlassen, die man offenbar nur richtig befolgen muss, um die “wahre Lehre” fortzusetzen.

Rudolf Steiner hat diese auch für die Anthroposophie bestehende Gefahr wohl gesehen. Einen wichtigen Hinweis zum Umgang damit hat er in eines seiner Mysteriendramen hineingelegt – und dabei durch die Form einer szenischen Aufstellung eine besonders eindrückliche Form gewählt, wie sie eine nur theoretische Erörterung kaum entfalten würde. Im zweiten dieser nicht leicht zugänglichen Theaterstücke (7. Bild) entwirft Steiner folgende Situation:

Wir befinden uns im Mittelalter, und ein Angehöriger eines Mönchsordens wird mit den Mitgliedern einer esoterischen Ritter-Bruderschaft konfrontiert, die er aufgrund der ihm fremden Riten und Denkweisen als „Ketzer“ glaubt bekämpfen zu müssen, obwohl sie ihm auf menschlicher Ebene durchaus imponieren. Diese Konstellation entspricht vollkommen der historischen Situation im Hochmittelalter, als sich insbesondere der Dominikanerorden auf die inquisitorische Verfolgung von damals neu hervortretenden Strömungen des Christentums zu spezialisieren begann. Der verwirrte Mönch wendet sich in einer Meditation an den bereits verstorbenen großen Lehrer seines Ordens. Dieser erscheint ihm auch und gibt dem Mönch einen völlig unerwarteten Rat: Bei er Bekämpfung der sogenannten Ketzer, so der Ordenslehrer mit Namen Benedictus, könnten sich seine Schüler zwar auf jene Worte stützen, die er (Benedictus) „im Erdensein gesprochen“ habe – es gibt also offenbar Zitate und Wortlaute, mit denen klar zu belegen wäre, dass zum Beispiel die geistigen Ziele des „ketzerischen“ Ritterodens „Geistessünde“ seien und ausgemerzt gehörten. Nun aber folgt die entscheidende Erklärung des Ordenslehrers, als dessen historisches Vorbild man unschwer den bedeutenden Kirchenlehrer Thomas von Aquin erkennt, auf dessen Wortlaute sich die blutigen Ketzerverfolgungen des Mittelalters berufen konnten. Benedictus weiter:

„Sie ahnen nicht, dass diese Worte
Sich lebend nur erzeugen können,
Wenn sie im rechten Sinne fortgebildet werden
Von jenen, welche meiner Arbeit Folger sind.“

Worte für sich allein genommen, auch höchste und heiligste, bilden also noch keineswegs eine Garantie für Wahrheit – sie können sogar schädlich, ja destruktiv werden. Es kommt also darauf an zu begreifen, so der Lehrer, dass sich Worte nur als „lebend“ erweisen können, wenn sie „im rechten Sinne fortgebildet werden“. Nicht das, was eine Lehre oder ein Lehrer bereits geworden ist, ist im Zweifelsfall wahrhaft orientierend. Der Ordenslehrer fordert den Mönch vielmehr dazu auf, diejenigen, die er der wörtlichen Auslegung der einstigen Lehrer-Worte zufolge für Ketzer hält, in jenem Licht zu sehen, in dem er selbst sie heute sehen würde, wenn er als Mensch gegenwärtig lebte.

Der Mönch reagiert zunächst so, wie wohl viele treue Glaubensbrüder bis heute reagieren: Er meint, diese Mahnung weiche “gewaltig ab von allem, was mir bisher als richtig wollte scheinen”. Das ist ja genau die Herausforderung: dass manches in einer veränderten Zeitsituation tatsächlich “gewaltig” das bisher als richtig Geglaubte erschüttern kann! Dennoch kann eine solche, nur traditionalistisch begründete Empfindung schlimme Folgen haben – bisweilen sogar tödliche.

Steiner macht hier deutlich: Die Aufgabe einer individuellen Weiterentwicklung, die zum Beispiel den eingetretenen Erkenntnis- und Bewusstseinsfortschritt einer Zeit berücksichtigt, kann keine Lehre und kann kein Lehrer den Menschen abnehmen. Auch für spirituelle Richtungen gilt das Goethewort von der „geprägten Form, die lebend sich entwickelt“.

 

 

 

 

 

 

 

 

Nepal-Hilfe, die ankommt – Lothar Bracht hat Wasseraufbereitungsanlagen für Shanti im Gepäck!

Lothar Bracht

Lothar Bracht in Aktion

 

Eine persönliche Bitte:

Der Architekt Lothar Bracht ist einer der engagiertesten Menschen, die mir in meinem Leben begegnet sind. Er betreut beispielsweise Projekte in Gebieten, die andere lieber meiden, wie in Syrien oder im Libanon. Wo Not entstanden ist, antwortet er mit Ideen – so hat er zusammen mit der Schule in Winnenden und der Gemeinschaft Laufenmühle  nach dem Amok-Lauf dort im Rahmen der Trauerarbeit mit Schülern eine Weidenkathedrale gebaut. Außerdem ist er für die Gestaltung der GLS-Bank in Bochum und ihrer Filialen in Deutschland zuständig.  

Nun wird sich Lothar am Montag nach Katmandu aufmachen, wo er seit langem die waldorf-nahe Shanti-Organisation von Marianne Großpietsch unterstützt – eine Initiative, der ich vertraue, nicht nur weil dort meine Tochter Lucia mal ein Volontariat verbracht und viel Gutes darüber erzählt hat. Lothar wird sich nicht nur um die entstandenen Schäden an den Gebäuden kümmern, sondern hat auf die Schnelle auch 13 Wasseraufbereitungsanlagen aufgetrieben und schon den Transport organisiert. Die Kosten von je tausend Euro hat er vorgestreckt und hofft nun, dass sich möglichst viele Menschen an der Re-Finanzierung beteiligen – dabei helfe ich ihm gern!

„Gekauft sind die Geräte und schon verpackt und sie kommen Montag mit mir runter. Jedes Gerät kann täglich ca. 1200 Liter Trinkwasser produzieren, dass heißt ca. 400 Leute versorgen. die 13 Geräte somit 5000 Menschen“, erklärt Lothar Bracht. „Ein Tropfen auf den heißen Stein, aber eben immerhin ein Tropfen!“

Wenn Ihr diese vollkommen unbürokratische Aktion unterstützen wollt, spendet bitte an:

Lothar Bracht / Shanti Nepal Konto Nr: 75122601

IBAN DE95430609670075122601

BIC GENODEM1GLS

Danke!

Ein Buch, das mich verändert hat

Ziemke Cover

Es gibt Bücher welche die Kraft haben, die bisherige Sicht der Dinge infrage zu stellen. Ein solches Buch ist für mich die Neuerscheinung “Alle Schöpfung ist Werk der Natur”, die ich im Zuge meines Lektorats bereits vor ihrem Erscheinen intensiv kennenlernen durfte und die jetzt pünktlich zur Leipziger Buchmesse herauskam. Der Titel klingt zunächst einmal eher harmlos: Es ist ein Goethe-Zitat, das inhaltlich unverfänglich erscheint, denn was sollte – von einem aufgeklärten Standpunkt aus betrachtet – die Schöpfung sonst sein wenn nicht das Werk der Natur?

Und doch hat dieses Buch von Axel Ziemke in fundamentaler Weise mein Verständnis von Evolution verändert. Deren Grundidee, also die Entstehung sämtlicher Lebewesen auf dieser Erde durch natürliche Abstammung von niederen zu höher entwickelten Arten, stand für mich selbstverständlich auch vor der Lektüre nicht in Frage. Wohl aber das Erklärungsmodell der Neodarwinisten, die das evolutionäre Entstehen neuer Formen allein durch zufällige Mutationen und daran anschließende Selektionsprozesse erklären. Die rein mathematisch extreme Unwahrscheinlichkeit überlebensfähiger Mutationen und der Widerspruch zwischen sinnvoller Funktionalität z.B. von Organen und der angeblichen Willkür ihrer Entstehung hatten mich noch nie überzeugen können – und das Argument, dass man ja keine alternativen Erklärungen habe und sonst womöglich wieder beim lieben Gott oder dem Intelligent Design lande, war mir zu schwach.

Ziemke zeigt nun minuziös eine Strömung innerhalb der modernen Evolutionsbiologie auf, die die bisher rätselhaft bleibende Entstehung des Neuen in der Evolution und das Auftreten von “Sprüngen” erklärt und beschreibt etwas, das man mit Fug und recht einen Paradigmenwechsel in der Evolutionsforschung nennen kann: Demnach prägen nicht die Gene und ihre zufälligen Mutationen die schrittweise Entwicklung der Lebewesen, vielmehr ist es das Verhalten der Organismen, ihr Reagieren auf veränderte Umweltbedingungen, das zum Auftreten veränderter Organe und auch Arten führt und erst anschließend auch genetisch fixiert wird. Insbesondere am Problem der Entstehung des aufrechten Gangs zeigt Ziemke, wie die von der Eigenständigkeit des Organismus aus gedachte evolutionäre Dynamik wirkt, aber auch in vielen anderen Phänomenen der Pflanzen- und Tierwelt geht er dieser neuen Sichtweise nach.

Für mich war bislang – trotz des Erklärungsdefizits des eigentlichen “Motors” von Evolution – der emanzipatorische Impuls des Evolutionsdenkens von zentraler Bedeutung gewesen, der die Entstehung der Arten, ganz im Sinne Darwins, als ein rein innerweltliches Geschehen verständlich werden lässt. Auch ein Rudolf Steiner hatte diesem Impuls vollkommen zugesprochen als er in seinem Buch über die Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung sinngemäß meinte, der Weltengrund habe sich vollständig in die Welt ausgegossen, er treibe sie von innen, und der Freiheit des Menschen zuliebe müsse jeder Glaube an eine metaphysische Weltenlenkung aufgegeben werden. Das ist ganz goethisch gedacht, denn auch der Dichter und Forscher aus Weimar suchte nichts hinter, sondern alles in den Phänomenen – und so ist es letzten Endes doch ein revolutionär aufklärerisches Wort, wenn Goethe sagt: “Alle Schöpfung ist Werk der Natur”.

Gleichzeitig ist diese Sicht auf die Natur keineswegs gleichbedeutend mit ihrer Entzauberung, im Gegenteil: Es beginnt mit der Lektüre dieses Buches ein neues Gesamtbild von Evolution vor das Auge zu treten, das weder auf die konventionell-materialistische Zufallsentwicklung noch auf vor-aufklärerische, von irgendwo außerhalb gesteuerte Eingriffe zurückgreift. Es ist vielmehr ein Bild, in dem zunehmendes Lernen und wachsende Bewusstheit sich in biologischen Prozessen und Funktionen selbständig organisieren und erhalten – ein Bild von “Geist in Aktion” also, wenn man so will, der aber nicht von außerhalb, sondern ganz innerhalb des Lebens, und zwar bis in seine genetischen Funktionen hinunter verankert ist.

Die Wirkung dieser die Stofflichkeit umwandelnden und von “innen” heraus durchdringenden  Kraft ist mit einer klassischen Definition die des “schönen Scheins”.  Axel Ziemke überrascht am Ende seines Buches mit diesem Gedanken und führt die Schönheit als evolutionäre Kategorie ein. Dies nicht etwa mit dem trivialen Ziel, der Schönheit (die wir doch seit Kant gerade als zweckfrei verstehen) irgendeinen evolutionären Nutzen unterzuschieben, sondern vielmehr in dem Sinne, dass die zunehmende Durchdringung der Stofflichkeit in immer differenzierteren und höheren Formen zu ihrem schönen Scheinen führt. Man darf hier von einer originären und innovativen Fortschreibung des Evolutionsdenkens sprechen, die Ziemke mit seinem Buch gelungen ist, und die keineswegs Theorie bleibt, sondern zu einem neuen Blick auf die “Schöpfung” führt.

Axel Ziemke: Alle Schöpfung ist Werk der Natur. 
Die Wiedergeburt von Goethes Metamorphosenidee in der Evolutionären Enticklungsbiologie
190 Seiten, Broschur
Illustrationen von Sarah Müller
€ 19,90
ISBN 978-3-95779-030-9

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Meine Vorträge, Workshops und Gastspiele in diesem Jahr

Jens Heisterkamp 2014

Ich freue mich, schon jetzt auf einige besondere Veranstaltungen in diesem Jahr hinweisen zu können, bei denen ich eingeladen bin:

 

13. März, Leipzig auf der Buchmesse: “Ein freies Wesen ist dasjenige, welches wollen kann, was es selbst will” – Rudolf Steiner und die Freiheit, 16.30 Uhr, Halle 5 Stand A200

25. März, Oper Frankfurt: Was ist Glück? - Philosophisches Intermezzo bei einem  ”Oper to go”-Liederabend, Oper Frankfurt, 22.15 Uhr

Bad Kissingen, Kongress Akademie Heiligenfeld am 14. und 15. Juni:

Freitag, 16.00 Uhr: Workshop zusammen mit Maik Hosang über “Freie Individuen im neuen WIR”

Samstag, 10.30 Uhr, Vortrag unter dem Motto “Wir haben verstanden” – Grundlagen unseres Verstehens und Missverstehens.

Mehr Infos hier.

(Achtung: der Kongress ist ausgebucht!)

In Berlin am 7. September im Rahmen des “Philosophie-Festivals der Liebe”:

“Von der Vergeblichkeit, sich selbst lieben zu wollen und der Verwegenheit, Liebe zu denken”

31. Oktober Anahata-Akademie bei Bonn, zusammen mit Sebastian Gronbach:

“Anthroposophische Spiritualität - Wie das mystische Denken unser Herz öffnet”.

Mehr  Informationen und Anmeldung hier.

Vom 6.-8. November: Herbstakademie Frankfurt, unter anderem im Gespräch mit Prof. Jost Schieren über Goethes Verständnis von Wirklichkeit.

 

Buchkritiken zu “Anthroposophische Spiritualität”

anthrospiri

 

Mein Buch “Anthroposophische Spiritualität” findet bisher ein sehr positives Echo. Johannes Kiersch lobte es im “Goetheanum” (Goetheanum rezension Kiersch), Dr. Thomas Steininger fand sehr hochschätzende Worte dazu in “Evolve” (Heisterkamp Rezension Steininger), außerdem gibt es ein Gespräch zum Buch zwischen Thomas und mir als Audio-File auf Radio Evolve. In der anthroposophischen Mitglieder-Vierteljahresschrift “Anthroposophie” empfahl Professor Jost Schieren das Buch (leider nicht online).

Interessant ist auch die Auseinandersetzung von Dr. Lydia Fechner mit meinem Buch in der Zeitschrift “Die Drei”, ebenso wie die Rezensionen von Professor Wolf-Ulrich Klünker  in Info3 und von Walter Sigfried Hahn bei “Themen der Zeit”. Schon bald nach Erscheinen hatte Michael Eggert in seinem Egoisten-Blog eine Rezension veröffentlicht und  Ansgar Martins sehr ausführlich und differenziert-kritisch auf seinem Waldorfblogg auf das Buch reagiert. Außerdem sind bei Amazon eine Reihe von – ebenfalls sehr positiven – Leserkommentaren erschienen, unter anderem von Ina Kleinod und Dr. Maik Hosang. 

Ich freue mich sehr über diese konstruktiven und vielfältigen Rückmeldungen zu meinem Buch!

Wer es noch nicht kennt, kann’s hier direkt bestellen.

Die eBook-Version ist bei den üblichen Verdächtigen downzuloaden.

Ausstellung Corinna

Einige Überlegungen zur Sprache

Ausstellung Corinna

 

Anlässlich der Ausstellungseröffnung von Corinna Krebber am 12. Februar 2015 in der Galerie „Das Bilderhaus“, Frankfurt am Main.

 

1.

Alles, was wir wissen, wissen wir dadurch, dass es zur Sprache kommt.

Bis etwas Sprache wird, lebt es im Dunkel.

Erst die Sprache macht aus etwas, das bisher nur ein Ahnen war, macht aus unserer Intuition oder Einsicht das Sagbare.

Indem etwas zur Sprache kommt, erfährt etwas bis dahin Ungesagtes eine Fassung, einen Rahmen, der das Gefasste besprechbar macht.

„Sprich es aus!“ – Das meint, etwas überhaupt erst zur Wirklichkeit werden zu lassen, und es gilt nicht nur für das laute Aussprechen gegenüber anderen, sondern auch schon dann, wenn wir etwas nur innerlich, uns selbst gegenüber, aussprechen.

In der Gefasstheit der Sprache gerinnt das bis dahin nur Gemeinte in eine bestimmte Form und nimmt Eindeutigkeit an.

Aber auch in der Eindeutigkeit bleibt das Gesagte vieldeutig.

Denn jedes gesprochene Wort ist damit der Deutung ausgesetzt, dem Verstehen ebenso wie dem Missverstehen.

 

2.

Alles Sprechen ist angelegt auf das Hören.

Den Zusammenhang von Sprechen und Hören nennen wir „Gespräch“.

Hören wir dazu Martin Heidegger:

„Das Hörenkönnen ist nicht erst eine Folge des Miteinandersprechens, sondern eher umgekehrt die Voraussetzung dafür. Allein auch das Hörenkönnen ist in sich schon wieder auf die Möglichkeit des Wortes ausgerichtet und braucht dieses. Redenkönnen und Hörenkönnen sind gleich ursprünglich. Wir sind ein Gespräch – und das will sagen: wir können voneinander hören…. Das Gespräch und seine Einheit trägt unser Dasein.”

(Heidegger, Hölderlin und das Wesen der Dichtung)

Gespräch-sein-können in diesem Sinne bedeut also: Bevor wir reden, haben wir schon verstanden.

Bei den kleinen Kindern, noch bevor sie sprechen, ist genau dies fast wie ein Wunder zu beobachten: wie sie schon alles verstehen, ohne selbst zu reden.

 

3.

Wenn wir also immer schon Hörende sind, um erst sprechen zu lernen, wie hat dann wohl der erste Mensch sprechen gelernt, als noch niemand da war, dem er hätte zuhören können, weil die Sprache ja erst erfunden werden sollte? Und wie sollte sich Sprache „erfinden“ lassen aus einem Zustand der völligen Sprachlosigkeit heraus? Einem Zustand also, in dem uns nicht nur die richtigen Worte gefehlt hätten (was wir sonst Sprachlosigkeit nennen), sondern Worte überhaupt?

Eine verbreitete Theorie erklärt die Entstehung der Sprache aus Konvention, also aus Übereinkunft. Ein etwas Schmunzeln erregendes Bild dazu ist die Vorstellung, wie unseren Vorfahren bei der Großwildjagd die Nützlichkeit des exakten Informationsaustausches durch Worte aufging. Eine lange Evolution der Zuordnung von Lautlichkeit und Bedeutung soll damals begonnen haben.

Aber noch einmal: Wie hätten damals Konventionen gebildet werden sollen, wie Einigungen über Bedeutung stattfinden, ohne schon dabei  zu sprechen?

Wir kommen der Sprache beim Versuch, sie zu erklären, offenbar nicht hinterher.

Noch einmal Heidegger:

„Das, wovon wir sprechen, die Sprache, ist uns stets schon voraus. Wir sprechen ihr ständig nur nach. So hängen wir fortwährend hinter dem zurück, was wir zuvor uns eingeholt haben müssten, um davon zu sprechen. Demnach bleiben wir, von der Sprache sprechend, in ein immerfort unzureichendes Sprechen verstrickt.”

(Heidegger, Vom Wesen der Sprache)

Andererseits kann positiv festgehalten werden: Die Sprache ist offenbar eine vorgängige, nicht zu reduzierende Sphäre der Verbindung mit Bedeutung, die nicht aus Unverbundenem konstruierbar ist.

Ein letztes Mal Heidegger: „Nicht wir haben die Sprache, die Sprache hat uns.“

(Hölderlins Hymnen „Germanien“ und „Der Rhein“, GA 39)

 

4.

Vertauschen wir doch einmal probeweise die gängige Vorstellung, wonach Sprache zufällig und konventionalistisch entstanden sei, durch die Idee, dass die Sprache uns immer schon hatte und Sprache immer schon war.

Die Weisheit der Alten hat ja die Sprache – das Wort – überall nicht ans Ende der Entwicklung gesetzt, nicht erst dahin, wo wir Menschen über die Welt zu sprechen begannen, sondern an den Anfang:

Am Anfang war das Wort, heißt es bei Johannes.

Auch die mystische Überlieferung im Judentum stellt an den Anfang der Welt das Wort, die weltschaffende Sprache des Göttlichen.

Gershom Scholem, der große Wiederentdecker der Kaballah und Begründer ihrer wissenschaftlichen Erforschung, schrieb dazu:

„Die Kabbalisten aller Schulen und Richtungen sind sich darüber einig, in der Sprache nicht nur ein unzulängliches Mittel der Verständigung von Mensch zu Mensch zu sehen (…) Sprache in ihrem reinsten Wesen (…) hängt mit dem tiefsten geistigen Wesen der Welt zusammen, hat, mit anderen Worten, einen mystischen Wert. Sprache erreicht Gott, weil sie von Gott ausgegangen ist. In der Sprache der Menschen … spiegelt sich die schöpferische Sprache Gottes wider. … Alles Lebendige besteht letzten Endes durch die Sprache Gottes…“

(Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen)

 

5.

Sprache, das Wort, wäre also identisch mit dem ursprünglichen Wesen allen Seins.

Was aber, wenn dies nicht nur ein romantischer Zirkelschluss wäre, sondern wenn dem, was unsere Sprachwelt ist, wirklich und ursprünglich Welt-Sprache zugrunde läge? Wenn Sprache eben nicht „nur“ menschlich wäre, sondern wenn es eine Welt-Sprache gäbe – an der wir Menschen Anteil haben, indem wir immer schon in sie eingebettet sind? Die wir als Menschheit einst erlernt hätten wie die Kinder das Sprechen lernen – als Hörende?

Nicht diesen Gedanken, aber einen Verständnis-Baustein dazu liefert ein Jugendfreund Scholems, der ihm herzlich verbundene Walter Benjamin. Benjamin hat sie an den Anfang seiner eigenen Überlegungen gestellt die das Thema tragen: „Über die Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen” (1916). Schon der Titel überrascht: Es gibt für Benjamin „eine Sprache überhaupt”, von der die menschliche Sprache gleichsam nur eine Unterform darstellen soll. Also: Nicht die menschliche Sprachlichkeit wird in die Welt projiziert (und dann erschiene uns die Welt nur als sprachlich), sondern die menschliche Sprache stellt gleichsam eine Kontraktion einer „Sprache überhaupt“, einer universellen Sprache der Welt dar. Und was wäre diese „Welt-Sprache“?

Dazu Benjamin: „Jede Mitteilung geistiger Inhalte ist Sprache, wobei die Mitteilung durch das Wort nur ein besonderer Fall, der der menschlichen ist.”

Folglich gibt es für ihn „kein Geschehen oder Ding weder in der belebten noch in der unbelebten Natur, das nicht in gewisser Weise an der Sprache teilhätte, denn es ist jedem wesentlich, seinen Inhalt mitzuteilen”. Das Prinzip der Welt besteht also darin, Ausdruck zu sein, Ausdruck von Bedeutung, und jede Äußerung von Bedeutung ist Sprache. Für Benjamin gibt es deshalb – nicht nur im übertragenen Sinne – eine Sprache der Dinge, eine Sprache der Musik, eine Sprache der Natur, eine Sprache des Universums.

 

6.

Benjamin lässt hier also die alte mystische Idee einer die Welt durchziehenden Sprache wieder anklingen, aber gleichsam im Gewand einer Erkenntnistheorie.

Warum? Vielleicht weniger weil er selbst Mystik vertreten wollte als vielmehr weil er gesehen hat, dass wir gar nicht anders können denn die Welt als Sprache zu hören. Wir müssen das aber nicht als Einschränkung auffassen, nicht als Festlegung auf unser subjektives Wesen als Menschen, sondern können es umgekehrt als Chance begreifen, unsere eigene Sprachhaftigkeit als Medium tiefer Weltverbundenheit zu nutzen.

Wir können etwas vom Sein der Dinge in ihrem Aussprechen fassen und halten, weil die Dinge selbst manifestiertes Wort sind.

Immer wenn wir ein Wort sprechen, sprechen wir mit dem Sein.

Sicher: wer Gebrauchsanweisungen für Staubsauger verfasst oder wer seine Worte in politischer Ideologie verschleißt, erfährt von dieser Seins-Kraft der Sprache nur wenig oder nichts; wer wie Hölderlin die Eichbäume besingen kann oder wie Trakl eine Abendstimmung heraufbeschwört, weiß schon sehr viel mehr davon zu sagen.

Und selbstverständlich spricht auch eine Ausstellung wie die heute eröffnete davon, die auf so schöne Weise mit dem Zusammenhang von Wort und Sein umgeht.

Ich danke für Ihr Hören.